Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach: Ich hatte mir fest vorgenommen früh zu starten, aber mein Körper hatte da ein anderes Zeitgefühl. Startzeit war also erst 9.30 Uhr. Dabei war mir irgendwie unwohl, denn es lag die längste Etappe vor mir, und das sollte sich bestätigen… Ich kam zunächst gut voran und wurde auf eindrucksvolle Art und Weise mit der Geschichte Deutschlands konfrontiert: Komoot navigierte mich über eine alte Pflasterstraße, die von Dorf zu Dorf führte. Auf dieser wurden im April 1945 mehr als 30.000 Häftlinge des KZ Sachsenhausen in Richtung Nordwesten geführt. Im Belower Wald bei Wittstock wurde Ende April 1945 ein Großteil von ihnen zusammengetrieben. Auch nach 68 Jahren kann man die Spuren des Stacheldrahtes in den Baumrinden noch sehen. 1.000 Häftlinge starben auf dem Weg oder wurden von der SS erschossen.

Diese Szenerie war makaber: es war ein sonniger und warmer Tag und ich fuhr diesen Weg gut gelaunt und musikalisch untermalt als wäre nie etwas gewesen. Mir fiel meine Fahrt auf dieser Strecke wirklich schwer, denn ich hatte das Gefühl den Opfern nicht genügend Respekt entgegen zu bringen. Es war ein beklemmendes Gefühl mit dem Fahrrad über Pflastersteine zu fahren, auf denen vor 68 Jahren Menschen um ihr Leben kämpften…

Wie so oft auf der Tour musste ich aber einfach weiterfahren. Ich sah mich kurze Zeit später mit einem Schild konfrontiert: „Lebensgefahr! Kampfmittel Betreten und Befahren verboten!“ Man muss dazu sagen, dass man natürlich bei einer derartigen Tour das ein oder andere Schild auch mal – formulieren wir es mal so – großzügiger auslegt. Aber „Lebensgefahr“ und „Kampfmittel“ ignorieren? Nach einem aufschlussreichen Gespräch mit Anwohnern in Gadow, die mir also aufgrund einer Detonationsgefahr von Kriegsmunition eine Beachtung des Schildes wärmstens ans Herz legten, musste ich die Strecke umplanen. Und das – versteht sich von selbst – bei bestem Internetzugang mitten in Brandenburg. Nicht.

Mein Handy errechnete einen Umweg von 20 Kilometern. Bei einer geplanten Strecke von etwas mehr als 150 Kilometern kein Zuckerschlecken. Urplötzlich sah ich mich wieder mit meiner späten Startzeit konfrontiert… Ich erlebte anstrengende 5 Stunden und bekam zeitnah Hunger. Die Supermarkt Situation scheint in Brandenburg noch nicht abschließend geklärt zu sein. Ich kann mich aber letztlich nicht beschweren. Es war zwar mit 178 Kilometern ganz klar die längste Etappe. Aber es fuhr sich nach dieser Umwegproblematik gut, sodass ich 19.30 Uhr in Berlin Mitte angekommen war. Fertig, aber glücklich.



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